Gottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Lutz KühnertGottesdienst im Oktoberfest-Zelt: Wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden
Jedes Jahr findet im Herzen des Münchner Oktoberfests ein ganz besonderer Gottesdienst statt. Statt Bierkrügen und Blasmusik verwandelt sich das Marstall-Zelt in der ersten Festivalwoche in einen Ort der Andacht – eine seltene Momentaufnahme der Besinnung inmitten von Feierlaune und Trubel.
Der Gottesdienst beginnt damit, dass sich die Besucher im Bierzelte erheben. Gemeinsam stimmen sie Lobt den Herrn! an – ein bemerkenswerter Kontrast zur sonstigen Feststimmung. Von der Bühne, auf der sonst die Königlich Bayerische Vollgas-Orchester spielt, hallt ein Halleluja zu den langen Holzbänken hinab.
Ein Sprecher ergreift das Mikrofon und rezitiert: Und führe uns nicht in Versuchung. Die Worte tragen durch das Zelt, das nun von stiller Reflexion erfüllt ist statt von Jubel. Nur sechs Männer bleiben mit ihren Getränken in der Hand sitzen. Sie teilen sich Wein aus einem einzigen goldenen Kelch – eine symbolische Geste an den sonst leeren Tischen.
Diese Veranstaltung spiegelt auch eine weiter verbreitete Tradition in Deutschland wider: die sogenannten Vesperkirchen. Während der Fastenzeit entstehen in Städten wie Sigmaringen und Ravensburg temporäre Gottesdienste in großen Zelten. In Sigmaringen öffnete eine solche Versammlung am 22. Februar 2026 und bot täglich über 200 Mahlzeiten an. Diese Pop-up-Kirchen schaffen spirituellen Raum für Gemeinden, die keinen festen Dorfplatz oder eine dauerhafte Stätte der Andacht haben.
Für den Pfarrer, der den Gottesdienst leitet, wird das Oktoberfest-Zelt zu einer provisorischen Kirche. Es ist ein flüchtiger Moment des Glaubens an einem Ort, der für Festlichkeit gemacht ist – wo Bierbänke zu Kirchenbänken werden und das übliche Klirren der Gläser dem Gebet weicht.
Der Gottesdienst endet, wie er begonnen hat – mit erhobenen Stimmen im Gesang, auch wenn das Zelt bald wieder seiner gewohnten Bestimmung zugeführt wird. Für eine Stunde wird das Marstall zur Kirche, eine stille Pause mitten im größten Bierfest der Welt. Die Tradition lebt fort, Jahr für Jahr, und verbindet auf unerwartete Weise Glauben und Volksbrauchtum.






