"Ich war nur Nummer 2033": Wie ein Junge den Horror des Volmarsteiner Heims überlebte
Anto Stumpf"Ich war nur Nummer 2033": Wie ein Junge den Horror des Volmarsteiner Heims überlebte
Thomas Frauendienst kam am 23. März 1964 mit angeborenen spastischen Klumpfüßen zur Welt. Seine Familie stieß ihn sofort ab und brachte ihn noch in seiner ersten Nacht ins Johanna-Helene-Heim in Volmarstein. Dort erlitt er jahrelangen grausamen Missbrauch, bevor er schließlich – schwer unterernährt und traumatisiert – zu seinen Eltern zurückkehrte.
Von Geburt an war Frauendienst unerwünscht. Seine Behinderung veranlasste die Familie, ihn im Heim unterzubringen, wo er unter der Nummer 2033 in den Akten der Einrichtung als „Kinder in Sonderbehandlung“ registriert wurde. Die Anstalt, die den Beinamen „Todesbunker von Volmarstein“ trug, wies eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit auf.
In seinen ersten vier Jahren dort litt er ununterbrochen. Das Personal setzte ihn über 80 Operationen, Hunger, Vernachlässigung, sexuellen Missbrauch und körperliche Gewalt aus. Erst als eine Diakonisse 1968 drohte, die Zustände öffentlich zu machen, holte die Familie ihn zurück – doch erst, nachdem er fast an Unterernährung gestorben war.
Jahrzehnte später erhielt Frauendienst eine gewisse Anerkennung für sein Leid. Die Diakonie Rheinland/Westfalen-Lippe zahlte ihm 5.000 Euro als Entschädigung, die Stiftung Anerkennung und Hilfe steuerte 4.000 Euro bei. Trotz der emotionalen Distanz zu seinen inzwischen verstorbenen Eltern hat er mittlerweile Frieden mit ihnen geschlossen.
Eine aktuelle Studie zeigte, dass etwa 20 Prozent der Jugendlichen in Einrichtungen Nordrhein-Westfalens missbräuchliche Medikamentengaben erleben mussten – oft verbunden mit anderen Formen von Gewalt. Frauendiensts Fall steht exemplarisch für ein systematisches Muster der Grausamkeit in Heimen des mittleren 20. Jahrhunderts.
Frauendienst überlebte extreme Vernachlässigung und Misshandlung in einem System, das eigentlich zum Schutz verletzlicher Kinder gedacht war. Seine Entschädigung, wenn auch gering, zählt zu den wenigen offiziellen Anmerkungen des Leids, das Heimkinder jener Zeit erlitten. Die Studie zu medikamentösem Missbrauch unterstreicht zudem, wie verbreitet solche Praktiken einst waren.






