15 March 2026, 06:31

Gockels Wallenstein an den Münchner Kammerspielen: Ein siebenstündiges Kriegsspektakel zwischen Satire und Tragik

Ein altes Buch mit einer Zeichnung eines Mannes in militärischer Uniform und den Worten "Gott mit uns" am unteren Rand, identifiziert als Adolf Hitler durch den Buchtitel.

Gockels Wallenstein an den Münchner Kammerspielen: Ein siebenstündiges Kriegsspektakel zwischen Satire und Tragik

Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Schillers Wallenstein bei den Münchner Kammerspielen brach mit Konventionen

Die Produktion verwebte historisches Drama mit moderner russischer Politik, kombinierte Satire, Live-Kochen und eine Marionettenvorrichtung, die den gelähmten Körper des Darstellers Samuel Koch bewegte. Das Publikum erlebte ein siebenstündiges Spektakel, das die Kriegführung des 17. Jahrhunderts mit zeitgenössischen Söldnerkonflikten kontrastierte.

Der Abend begann mit einer Lecture-Performance des russischen Künstlers Serge, der den verstorbenen Wagner-Gruppen-Chef Jewgeni Prigoschin mit einem Harry-Potter-"Ridikulus"-Zauber vorstellte – und so Angst in Humor verwandelte. Damit war der Ton gesetzt für eine Inszenierung, die ständig zwischen bitterem Ernst und absurder Komik wechselte.

Der dramaturgische Assistent Sergei Okunev flocht seine Recherchen über Prigoschin ein, indem er sie auf der Bühne mit Fotos und Videos aus Putins Umfeld erzählte. Seine lockere, humorvolle Erzählweise zog Parallelen zwischen Wallenstein, dem Söldnerführer des 17. Jahrhunderts, der von seinen Generälen ermordet wurde, und Prigoschin, der bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kam. Live-Kameraaufnahmen vom Kochen und eine lange Küchenszene, in der Schauspieler Essen zubereiteten, bevor sie sich in Soldaten verwandelten, verwischten die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart zusätzlich.

Die chaotische Energie des Ensembles überlagerte oft die leiserer Momente, darunter die Liebesgeschichte zwischen Wallensteins Tochter und Max Piccolomini, die inmitten der überzeichneten Figuren nur schwer Tiefe bewahren konnte. Samuel Koch hingegen, dessen Körper von einer Marionettenvorrichtung geführt wurde, lieferte als Wallenstein eine zurückhaltende Darstellung. Seine wenigen Bewegungen – ein erhobener Arm, zwei bewusste Schritte – gipfelten in dem Satz "Der Geist baut den Leib", bevor die Szene verblasste.

Gockel kürzte und bearbeitete Schillers Originaltext stark, fügte Prologe, Epiloge und zeitgenössische Bezüge ein. Die Aufführung endete mit einer hoffnungsvollen Passage aus Swetlana Alexijewitschs "Der Mensch ist größer als der Krieg" – ein markanter Kontrast zu den düsteren Themen des Abends.

"Schlachtmahl in sieben Gängen" verschmolz historische und moderne Erzählstränge, nutzte Satire, Live-Action und Kochs marionettengestützte Performance, um eine sinnliche Verbindung zu heutigen Konflikten herzustellen. Die Mischung aus Humor, Recherche und theaterexperimentellem Wagnis hinterließ beim Publikum eine Inszenierung, die so verstörend wie nachdenklich stimmte.

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